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Unternehmensberater - Extreme Spieler ohne Stammplatzgarantie

1. Die Beobachtung


Prof. Christian Scholz
Eigentlich seltsam: Auf der Rangliste der „Berufe, denen man vertraut“, stehen Unternehmensberater ähnlich wie Gebrauchtwarenhändler ziemlich weit unten. Zu krass sind die hinlänglich bekannten Geschichten von Beratern, die eigentlich immer nur eine Maximierung der Beratertage im Auge haben, wirklichen Kundennutzen aber als schlecht fürs Geschäft einstufen. Trotzdem rangiert „Unternehmensberater“ gerade bei High Potentials auf ihrer Berufswunschliste ziemlich an der Spitze.

Dass sich mit Unternehmensberatung sehr schnell sehr viel Geld verdienen lässt, hat sich inzwischen herumgesprochen. Die Konsequenz: Ob Computerhersteller, Wirtschafts­prüfung oder Werbeagentur, alle wollen zunehmend die gesamte Produktpalette der Beratung abdecken. Hinzu kommen eher wirtschaftsferne, aber methodennahe Anbieter wie Psychologen, Supervisoren und sogar Therapeuten. Interessant: Wirtschaftsprüfer und Steuerberater können offenbar leicht zu Unternehmensberatern werden (ENRON lässt grüßen), aber nicht umgekehrt!

Welcher BWL-Absolvent hat noch nicht in Erwägung gezogen, nach seinem Studium Berater zu werden? Und welcher innovative und ambitionierte Student von Fächern wie Biologie, Theologie oder Soziologie hat nicht wenigstens einmal von der verlockenden Chance gehört, als „Exot“ bei einer Unternehmensberatung einzusteigen und dadurch „mal was ganz anderes machen zu können“? Das schillernde Leben in und um Unternehmensberatungen verspricht Vorteile, die es in dieser Fülle in anderen Berufen selten zu geben scheint: Abwechslung, spezifische innovative Beratungskonzepte, das harte und lange Arbeiten durch gute Bezahlung kompensiert, darüber hinaus langfristig Karrierechancen, relevante Erfahrungen, Möglichkeiten zum Auslandseinsatz, attraktive Entgeltentwicklungen und selbst bei totalem Scheitern als Berater im Regelfall den lukrativen Absprung auf einen Arbeitsplatz beim Kunden.

Bis vor kurzem war diese Welt für die Berater auch noch wirklich absolut in Ordnung: Denn jeder wollte die mit dem Etikett „High Potential“ umschriebene Spezies Mensch rekrutieren und war bereit, um ihretwillen mit anderen Unternehmen den „Krieg um Talente“ zu führen. Man hält es kaum für möglich: Da gab es junge Leute, die bereits mit 23 Jahren schick im dunkelblauen Anzug mit Weste und professionell gebundener Krawatte auftreten. Sie hatten im Regelfall sieben bis acht Semester Studium hinter sich, die Ferien sinnvoll mit Praktika bei den „richtigen Firmen“ verbracht, zielorientiert, ohne jede Kehrtwendung und ohne jeden Umweg studiert und hatten es doch – oh Wunder und eigentlich nicht zu glauben (!) – fertig gebracht, eine „interessante Persönlichkeit“ zu werden.

Unternehmensberatungen rissen und reißen sich um diesen Typ Mensch. Für ihn wurden Recruitmentangebote in Buenos Aires, in Cannes, in Hongkong, in Stockholm oder in New York organisiert: vornehme Hotels, vornehmes Essen und vornehme Gesprächspartner, die Gelegenheit zur Selbstpräsentation geben. Spätestens, wenn das Unternehmen Agilent 500.000 Euro für eine Werbereise von Bewerbern nach Palo Alto und Roland Berger 20.000 Euro „Signing Bonus“ für Unterschriften unter die Arbeitsverträge zahlten, erkannten die Kandidaten ihre Chance auf Entwicklung und Status beziehungsweise auf Geld und einen schnellen Firmenwagen.

Im gegenwärtigen Wirtschaftsabschwung ist es etwas anders – wenngleich sich das Wunschprofil der Berater nicht geändert hat: Beratungsfirmen geben stolz an mit Sabbaticals, mit „Auszeiten für Promotion“ und mit dem langen Familienwochenende, einfach weil man nicht genug Aufträge hat. Dass man dann auch schon mal auf Absolventenmessen geht, ohne tatsächliche Leute einstellen zu wollen, und dass man brutal (und kurzsichtig!) Kontakte zu Lehrstühlen abbricht, weil man sie sowieso nicht braucht, das passt ins Bild. Das Interesse am „Beruf Berater“ ist jedoch weiterhin hoch, auch wenn nach dem „Signing Bonus“ manchmal die „freiwillige“ Kündigung mit erneutem Bonus folgt – den man dann eigentlich als „Resigning Bonus“ bezeichnen müsste.

weiter: 2. Die Frage und 3. Die Methodik

 

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